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Johann Wolfgang von Goethe

Der Fischer

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
ein Fischer saß daran,
sah nach dem Angel ruhevoll,

Eines Tages sahs ein Fischer wie jedentag an seinem Ufer und angelte wie jedentag.

kühl bis ans Herz hinan.

Er war schon immer alleine gewesen, da seine Verschlossenheit schon immer eine Mauer war, die niemand ueberwunden konnte. Mit der Einsamkeit stieg auch die Kaelte und das Verbitterte in seinem Inneren.

Und wie er sitzt und wie er lauscht,
teilt sich die Flut empor;
aus dem bewegten Wasser rauscht
ein feuchtes Weib hervor.

Gedankenversunken starrte er ins Wasser und wartet auf seine Beute. Da teilte sich das Blau und es tauchte eine Frau hervor. Eine, die nicht von dieser Welt war, Eine, mit einer Schoenheit, die ihn blendete.

 

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut
mit Menschenwitz und Menschenlist
hinauf in Todesglut?

 Sie sang ihr Lied mit einer solch verfuehrerischen Stimme, die wie Honig, nein suesser Klang. Doch mit solch ein Zorn, die sein Inneres beben laesst. "Du wagst es meine Brut zu locken? Du denkst du bist mit der List schlauer? Du denkst die Menschheit, ja fuer uns ein Witz, ist schlau genug dafuer?


Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist
so wohlig auf dem Grund,
du stiegst herunter, wie du bist,
und würdest erst gesund.

Ach armer Mann, wuesstest du nur wie es da unten ist. Die Schoenheit, die Klarheit, die Waerme und die Geborgenheit. Wuesstest du nur, so waerst du nicht hier oben. So waerst du unten und gluecklich.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
nicht her in ew'gen Tau?

 Auch da unten ist die Sonne, auch da unten ist der Mond. So sprach die Nixe mit ihrer Schoenheit. Die Schoenheit da unten ist doppelt so schoen wie hier. Ist das Blaue nicht verlockend? Ist die Ewigkeit da unten nicht verlockend?

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
netzt' ihm den nackten Fuß;
sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
da war's um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
und ward nicht mehr gesehn.

Der Fischer verlor sein Gewisse. Ploetzlich war die Sturrheit weg. Die Kaelte und das Alles. Die einsame Verbissenheit. Er erinnerte sich an das Schoene, doch nichts ist vergleichbar mit der Schoenheit der Nixe. Nur sie konnte diese Sehnsucht in ihm erwecken. Diese Stimme, wie eine Sucht. Doch die Nixe, alles was er wollte, sie sank in das Wasser, sie verlies ihn. Geschwind versuchte er nach ihr zu greifen. Vergebens. Er tauchte unter, die Nixe reichte ihm die Hand. Er konnte sie fuehlen, er wuerde dafuer in den Tod stuerzen. Fuer die Nixe. War das alles was er wollte?

Er dachte nicht mehr, er verlor das Komande, sein Koerper verfloss mit seinem Geist. Denken unmoeglich. Doch hatte er sich noch niemals so gut gefuehlt.

(1778)



22.1.10 20:14

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